FreeCAD für die Entwicklung von E-Achsen (E-Axles)

Wo sich moderne E-Achsen wirklich unterscheiden

Die Konstruktion moderner E-Achsen wird heute nicht mehr durch die Elektromaschine bestimmt. Die eigentlichen Entwicklungsaufgaben liegen an den Schnittstellen zwischen Motor, Getriebe, Leistungselektronik, Kühlung und Fahrwerk. Mit steigenden Drehzahlen von 14.000 bis über 20.000 U/min werden Themen wie NVH, Schmierung, thermische Belastung und Bauraumintegration zu den entscheidenden Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit einer E-Achse.

Für Konstrukteure bedeutet dies, dass sie ständig zwischen Packaging, Strukturmechanik und Variantenmanagement wechseln müssen. Genau in diesen Bereichen kann FreeCAD Vorteile bieten, die sich von klassischen CAD-Systemen unterscheiden.

Top-Down-Entwicklung statt Komponentenmodellierung

Viele CAD-Systeme fördern einen klassischen Bottom-up-Ansatz: Zuerst werden Motor, Getriebe und Gehäuse entwickelt, anschließend wird alles zur Baugruppe zusammengesetzt.

Bei E-Achsen ist häufig der umgekehrte Weg sinnvoll. Der verfügbare Bauraum zwischen Fahrwerk, Batterie, Crash-Struktur und Radaufhängung definiert bereits einen Großteil der Konstruktion.

Mit FreeCAD können Entwickler über den Spreadsheet-Workbench früh zentrale Fahrzeugparameter definieren:

  • Spurweite
  • Motorachse
  • Getriebeübersetzung
  • Gehäusebreite
  • Lagerabstände
  • Kühlkanalabmessungen

Diese Parameter treiben anschließend die gesamte Geometrie an. Ändert sich beispielsweise die Motordrehzahl und damit die erforderliche Getriebeübersetzung, können Gehäuse, Lagerpositionen und Schmierungsräume automatisch mit angepasst werden.

Bei vielen kommerziellen CAD-Systemen wird eine solche Parametrisierung häufig erst in deutlich aufwendigeren Konfigurationsumgebungen umgesetzt.

Gehäuseentwicklung als Integrationsplattform

Die Gehäusestruktur ist heute weit mehr als eine Hülle für Motor und Getriebe. Moderne E-Achsen nutzen das Gehäuse gleichzeitig für:

  • Lageraufnahmen
  • Kühlkanäle
  • Inverterintegration
  • Befestigungspunkte
  • NVH-Optimierung
  • Ölführung

Das Achsgehäuse wird damit zur zentralen Integrationsplattform des gesamten Systems.

Hier bietet die Kombination aus Part Design und Part Workbench einen Vorteil. Entwickler können unterschiedliche Integrationskonzepte sehr schnell gegeneinander testen. Beispielsweise lassen sich Varianten mit integriertem Inverter, separatem Inverter oder unterschiedlichen Kühlkanalkonzepten als Konfigurationen innerhalb desselben Modells aufbauen.

Gerade in frühen Konzeptphasen entstehen dadurch deutlich schnellere Iterationszyklen.

Kühlkonzepte automatisiert untersuchen

Eine der größten Herausforderungen aktueller E-Achsen ist die Kühlung. Direkte Ölkühlung, gemeinsame Ölkreisläufe und integrierte Kühlkanäle beeinflussen Leistung, Wirkungsgrad und Lebensdauer erheblich.

Interessant ist hier die Python-Integration von FreeCAD.

Viele Hersteller entwickeln heute dutzende Gehäusevarianten, um Kühlkanäle oder Ölführungen zu optimieren. Mit FreeCAD lassen sich solche Geometrien automatisiert erzeugen.

Anstatt jede Variante manuell zu modellieren, können Entwickler Kanalquerschnitte, Wandstärken oder Ölvolumina über Skripte generieren und anschließend in CFD- oder Simulationswerkzeuge exportieren.

Dieser Workflow ist insbesondere in frühen Forschungs- und Vorentwicklungsprojekten oft flexibler als klassische CAD-Systeme, die stärker auf manuelle Modellierung ausgerichtet sind.

Variantenentwicklung für Fahrzeugplattformen

Ein aktueller Trend der Automobilindustrie sind skalierbare E-Achsenplattformen. Ein Hersteller entwickelt nicht mehr einzelne Produkte, sondern komplette Familien für unterschiedliche Fahrzeugklassen.

Hier entsteht oft ein Problem: Kleine Änderungen an Leistung oder Übersetzung ziehen Änderungen am gesamten Gehäuse nach sich.

FreeCAD ermöglicht es, solche Plattformen über eine gemeinsame Parameterstruktur aufzubauen. Entwickler können beispielsweise verschiedene Motorgrößen, Getriebestufen oder Achslasten innerhalb eines einzigen Mastermodells verwalten.

Gerade für Vorentwicklungsabteilungen und kleinere Tier-1-Zulieferer kann dies den Aufwand für neue Varianten deutlich reduzieren.

NVH bereits während der Konzeptphase berücksichtigen

Mit dem Wegfall des Verbrennungsmotors werden Geräuschquellen sichtbar, die früher kaum wahrgenommen wurden. Zahnradgeräusche, elektromagnetische Schwingungen und Lagergeräusche dominieren heute die NVH-Entwicklung moderner E-Achsen.

Ein interessanter Ansatz in FreeCAD besteht darin, kritische Gehäusebereiche bereits in frühen Konzeptphasen parametrisch aufzubauen. Wandstärken, Rippenstrukturen oder Lagerpositionen können schnell angepasst werden, ohne das gesamte Modell neu zu konstruieren.

Dadurch lassen sich deutlich mehr Konzeptvarianten untersuchen, bevor aufwendige Simulationsschleifen beginnen.

Fazit

Die größten Vorteile von FreeCAD bei der Entwicklung von E-Achsen liegen nicht in allgemeinen CAD-Funktionen, sondern in seiner Fähigkeit, hochgradig parametrische und automatisierte Entwicklungsmodelle aufzubauen.

Besonders bei Gehäuseintegration, Kühlkonzepten, Plattformstrategien und Variantenmanagement ermöglicht die Kombination aus Spreadsheet, Part Design und Python-Automatisierung Workflows, die in vielen etablierten CAD-Systemen erst durch zusätzliche Konfigurations- oder Automatisierungsmodule erreicht werden. Für Entwicklungsabteilungen, die E-Achsen als skalierbare Plattform statt als Einzelprodukt betrachten, kann genau das einen erheblichen Effizienzvorteil in der Konzept- und Vorentwicklungsphase schaffen.

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